Hat Marc Aurel das wirklich gesagt?

Jede Stelle im Originaltext nachgeschlagen

Kaum ein Philosoph wird im Netz so oft zitiert wie Marc Aurel. Und kaum einem werden so viele Sätze untergeschoben, die er nie geschrieben hat. Thomas Colligan nennt ihn auf dem Blog Modern Stoicism das Aushängeschild falsch zugeschriebener Zitate. Bei Seneca und Epiktet sieht es ähnlich aus.

Hier sind sechs Sätze, die dir sicher schon begegnet sind. Wir haben jede Stelle im gemeinfreien Original nachgeschlagen, auf Griechisch und Latein.

1. Alles, was wir hören, ist eine Meinung, keine Tatsache. Alles, was wir sehen, ist eine Perspektive, nicht die Wahrheit.

Zugeschrieben: Marc AurelNicht von Marc Aurel

In den Selbstbetrachtungen steht dieser Satz nicht. Am nächsten kommen zwei knappe Notizen. In 2,15 heißt es nur: „Alles ist Auffassung.“ Und 4,3 endet mit: „Die Welt ist Wandel, das Leben ist Auffassung.“ Im Griechischen steht beide Male dasselbe Wort, ὑπόληψις.

Gemeint ist dort etwas anderes als im Netz. Kurz davor schreibt Marc Aurel, die Dinge selbst berührten die Seele nicht, alle Unruhe komme aus dem eigenen Urteil. Der moderne Spruch klingt dagegen, als gäbe es gar keine Wahrheit. Das hätte kein Stoiker unterschrieben.

Stelle: Marc Aurel, Selbstbetrachtungen 2,15 und 4,3 (griechischer Text bei Perseus)

2. Glück ist, was passiert, wenn Vorbereitung auf Gelegenheit trifft.

Zugeschrieben: SenecaBei Seneca nicht belegt

Der Spruch wird Seneca ständig zugeschrieben. Eine Stelle nennt dabei niemand, und in seinen Schriften ist auch keine bekannt. Die älteste bekannte Fassung steht 1912 in der amerikanischen Jugendzeitschrift The Youth’s Companion, ohne Namen. Mit Seneca verbunden wird der Satz erst seit Ende der 1990er-Jahre. Das hat der Wortforscher Barry Popik nachgezeichnet.

Er klingt eher nach Motivationsposter als nach Rom.

Stelle: bei Seneca keine. Früheste bekannte Fundstelle: The Youth’s Companion 86 (1912), S. 222

3. Wir haben zwei Ohren und einen Mund, damit wir mehr zuhören als reden.

Zugeschrieben: EpiktetStoisch, aber nicht von Epiktet

Im Netz steht meist Epiktet darunter. Überliefert ist der Satz aber bei Diogenes Laertius, und der erzählt ihn von Zenon von Kition, dem Gründer der Stoa. Ein junger Mann redet Unsinn, und Zenon sagt zu ihm: Wir haben zwei Ohren und nur einen Mund, damit wir mehr hören und weniger reden.

Ob Zenon das wirklich so gesagt hat, weiß niemand. Diogenes schrieb rund 500 Jahre nach ihm.

Stelle: Diogenes Laertius, Leben und Meinungen berühmter Philosophen 7,23 (englische Übersetzung bei Perseus)

4. Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern ihre Meinungen über die Dinge.

Zugeschrieben: EpiktetEcht

Mit diesem Satz beginnt Kapitel 5 im Handbüchlein der Moral: Ταράσσει τοὺς ἀνθρώπους οὐ τὰ πράγματα, ἀλλὰ τὰ περὶ τῶν πραγμάτων δόγματα. Das Beispiel folgt gleich danach. Der Tod ist nichts Schreckliches, sonst wäre er auch Sokrates so erschienen. Schrecklich ist erst die Meinung, er sei schrecklich.

Vielleicht der Kernsatz der ganzen Stoa. Aufgeschrieben hat ihn nicht Epiktet selbst, sondern sein Schüler Arrian. In Stillwort steht er in einer etwas freieren Fassung.

Stelle: Epiktet, Encheiridion 5 (griechischer Text bei Wikisource)

5. Wir leiden öfter in der Vorstellung als in der Wirklichkeit.

Zugeschrieben: SenecaEcht

Seneca schreibt das im 13. Brief an seinen Freund Lucilius. Der ganze Satz lautet: Plura sunt, Lucili, quae nos terrent quam quae premunt, et saepius opinione quam re laboramus. Auf Deutsch etwa: Es gibt mehr Dinge, die uns Angst machen, als solche, die uns wirklich bedrängen, und wir leiden öfter an der Vorstellung als an der Sache.

In Stillwort steht er als „Wir leiden mehr in der Vorstellung als in der Wirklichkeit.“

Stelle: Seneca, Briefe an Lucilius 13,4 (lateinischer Text bei The Latin Library)

6. Es ist nicht wenig Zeit, die wir haben, sondern viel, die wir nicht nutzen.

Zugeschrieben: SenecaEcht

Der Satz steht gleich am Anfang von Senecas Schrift Von der Kürze des Lebens: Non exiguum temporis habemus, sed multum perdidimus. Wörtlich heißt das: Wir haben nicht wenig Zeit, sondern wir haben viel davon verloren. Die bekannte deutsche Fassung ist etwas weicher. Der Gedanke ist derselbe.

Stelle: Seneca, Von der Kürze des Lebens 1,3 (lateinischer Text bei The Latin Library)

So erkennst du ein falsches Zitat

  1. Es fehlt die Stelle. Echte Zitate lassen sich auf Buch und Abschnitt zurückführen, etwa „Briefe an Lucilius 13,4“. Steht nur ein Name darunter, sei skeptisch.
  2. Der Satz ist zu glatt. Wenn ein Zitat wie aus einem Business-Ratgeber klingt, stammt es oft auch aus einem.
  3. Mach die Gegenprobe. Die Werke von Marc Aurel, Seneca und Epiktet sind gemeinfrei und im Volltext online, etwa bei Projekt Gutenberg, Perseus oder The Latin Library. Such dort nach einem markanten Wort aus dem Zitat.

Warum der Zusammenhang zählt

Auch ein echtes Zitat kann in die Irre führen, wenn man nur den einen Satz kennt. Marc Aurel schrieb seine Notizen für sich selbst, zum Teil im Feldlager an der Donau, während im Reich eine Seuche umging. Eine Zeile im Text hält fest: „Geschrieben bei den Quaden am Gran“, einem Fluss in der heutigen Slowakei. Mit diesem Wissen liest sich vieles weniger wie ein Lebensmotto und mehr wie ein Versuch, ruhig zu bleiben.

Kürzen verändert auch. In Stillwort steht „Der Mensch ist das, worüber er nachdenkt“ unter Marc Aurels Namen. Bei ihm heißt es ausführlicher (5,16): „Wie die Dinge sind, die du dir oft vorstellst, so wird auch dein Denken. Denn die Seele wird von den Vorstellungen gefärbt.“ Deshalb steht auf der Seite zu diesem Zitat „sinngemäß“ dabei.

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Quellen (8)

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